Marga und Klaus Flader berichten von ihrer Reise im März 2010
(PDF-Version des Rundbriefes)
Liebe Freunde,
wegen privater Verpflichtungen unserer ehrenamtlich tätigen Mitglieder konnte in diesem Frühjahr keine große Projektreise stattfinden – aber einen persönlichen Kontakt zu unseren Mitarbeitern sollte es trotzdem geben. Deshalb unterbrachen wir unsere private Reise in Dubai für einen Abstecher nach Kabul. Vielleicht war es gut, dass wir uns nicht zu lange dort aufhielten, denn nicht weit von dem Ort entfernt, wo wir unsere Einkäufe machten, kam es eine Woche später zu folgenschweren Angriffen auf Unterkünfte von Ausländern.
Wir nutzten unseren viertägigen Aufenthalt in Kabul zu intensiven Gesprächen mit unseren Mitarbeitern, die aus Andkhoi und Mazar-e-Sharif nach Kabul gekommen waren. Diese Treffen der afghanischen Mitarbeiter aus den drei Orten, die mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt liegen, finden regelmäßig alle zwei Monate statt; zweimal im Jahr nehmen auch die Mitarbeiter aus Deutschland an diesen Treffen teil. Themen gab es viele. Unser wichtigstes Projekt ist das Ausbildungszentrum in Andkhoi: Unsere Mitarbeiter aus Andkhoi berichteten, dass die Förderkurse sehr gut besucht werden. Inzwischen gibt es nicht nur Förderkurse für die Oberstufenschüler, sondern es wurden weitere Kurse für Schüler/innen der Klassen 7, 8 und 9 eingerichtet, die aus allen vier Bezirken kommen. Diese Kurse sind notwendig, weil leider die Qualität des Unterrichts an den staatlichen Schulen aufgrund der schlechten Qualifikation der Lehrkräfte noch nicht ausreicht. Mit diesen Förderkursen bereiten wir die jungen Leute auf die Universität vor. Im vergangenen Jahr haben insgesamt 143 Jungen und 19 Mädchen die Aufnahmeprüfung zur Universität absolviert.
Im Ausbildungszentrum besuchen außerdem 222 Schüler/innen Englischkurse und 232 erwerben Computerkenntnisse, um sich auf eine Tätigkeit in einem Büro vorzubereiten. Praktische Übungen ergänzen den Unterricht. „Unser Haus“ hat außerdem ein ausgezeichnetes Labor für die naturwissenschaftlichen Fächer und eine gut ausgestattete Bücherei mit über 2000 Titeln, die regelmäßig ausgeliehen werden - seit Aufbau der Bücherei über 40.000 Bücher. Jeden Tag kommen ca. 25 bis 30 Besucher.
Etwas Neues zu beginnen ist immer mit besonderen Herausforderungen verbunden, so auch unsere Ausbildung von Elektrikern. In den vorangegangenen Monaten wurde ein Ausbilder in Mazar-e-Sharif gefunden, der die nötige Erfahrung und das erforderliche Lehrmaterial mitbrachte, und die Werkstatt in unserem Ausbildungszentrum wurde umgebaut. Dann musste die Bevölkerung über den neuen Lehrgang informiert werden, damit sich interessierte junge Männer fanden, die sich zum Elektriker ausbilden lassen wollten. Das erwies sich als schwierig, u.a. weil wir keine hohen Ausbildungszulagen zahlen wollten. Wir mussten allerdings feststellen, dass die wirtschaftliche Situation weiterhin so schlecht ist, dass ohne eine Ausbildungsvergütung niemand hätte kommen können. Ein weiteres Problem war die Länge der Ausbildung. Wir hatten zusätzlich zum Fachunterricht bereits Dari, Mathematik und Physik in den Lehrplan aufgenommen, aber dennoch hatten wir die Vorbildung der jungen Leute überschätzt. Sie waren zwar neun Jahre zur Schule gegangen, aber in der Zeit der Taliban-Herrschaft. Gemeinsam entschieden wir deshalb, die Ausbildung auf 18 Monate zu verlängern. Hoffen wir, dass wir in diesen 18 Monaten nicht nur gute Fachkräfte ausbilden, sondern dass es in Zukunft in der Region weniger Verletzte und Tote durch unsachgemäßen Umgang mit Elektrizität geben wird (Strom fließt erst seit ca. 4 Jahren in der Gegend).
36 Mädchen wechselten im September 2009 nach drei Jahren Ausbildung in unseren Alphabetisierungskursen (sog. Home Courses) in die 7. Klasse der staatlichen Schulen. Inzwischen sind insgesamt 187 unsere Home School-Schülerinnen in die staatlichen Schulen eingeschult worden und 270 haben den Abschluss der 6. Klasse. Zurzeit besuchen 214 Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 48 unsere Home Courses und 48 die Nähkurse.
Unser Bauleiter Qahar berichtete über seine Arbeit in den vergangenen Monaten und zeigte uns stolz Bilder von den abgeschlossenen Bauprojekten: In Chakman (Bezirk Khancharbagh) wurde ein Schulgebäude fertig gestellt und in Mazar-e-Sharif wurde ein 2002 von uns gebautes Gebäude aufgestockt. Rechtzeitig zum Jahresende wurde dort auch das doppelstöckige Gebäude mit 16 Klassenräumen für das Maqsadullah Shaheed Gymnasium fertig sowie Küche und Essraum für das Landwirtschaftliche Institut. Nun hoffen die Bauarbeiter, dass wir sie bald für neue Bauprojekte engagieren werden. Für die im letzten Reisebericht erwähnte Mädchenschule für 3000 Schülerinnen haben wir einen Antrag beim Auswärtigen Amt gestellt und hoffen, dieses Projekt 2010 verwirklichen zu können. Alle Schulen wachsen weiterhin und benötigen neue Klassenräume. Dorfälteste, Schulleiter/innen und Schülerinnen haben uns gebeten, zusätzliche Gebäude für die bereits eingerichteten Schulen zu bauen. Auch unsere Mitarbeiter berichteten in Kabul, dass weitere Bitten an sie herangetragen worden sind.
Einige Förderanträge haben wir eingereicht und hoffen, dass wir in diesem Jahr in Andkhoi und Mazar-e-Sharif neue Projekte durchführen können. Vielleicht sogar ein weiteres Hühnerprojekt: 2009 haben wir an 120 Lehrerfamilien insgesamt 2400 Hühner verteilt, die heute fleißig Eier legen und den Familien eine Einkommensquelle eröffnet haben.
Nun erscheint es vielleicht so, dass „alles gut ist in der Region Andkhoi“. Aber dem ist leider nicht so.
Seit unserer Rückkehr nach Deutschland haben wir schlechte Nachrichten erhalten: Offensichtlich sind nun auch hier Oppositionelle (seien es Taliban oder Kriminelle) aktiv, die zunächst sog. Night Letters, d.h. Drohbriefe in der Bevölkerung verteilten, wonach die Eltern ihre Mädchen nicht in die Schulen schicken sollten. Danach wurde eines Abends eine Mädchenschule überfallen und im Lehrerzimmer ein Feuer gelegt. Dieser Raum und angrenzende Flurbereiche wurden vom Feuer zerstört. Am folgenden Tag gab es einen weiteren Anschlag auf eine Schule; hier wurde der Wächter gefesselt und Computer entwendet. Diese Vorfälle machen den Eltern, den Lehrern und Lehrerinnen, uns und unseren Mitarbeitern große Sorgen. Die Kämpfe im Süden haben ganz offensichtlich zu einer Verlagerung des Widerstands in den Norden geführt. Trotz dieser Sorgen und Bedenken sind gleich am nächsten Tag ca. 20 % der Mädchen wieder in ihre Schule gegangen! Das hat uns mit Bewunderung erfüllt. Die Mädchen machen selbst klar, dass sie sich nicht davon abhalten lassen wollen, die Schule zu besuchen. Außerdem haben diese Angriffe zu einer Solidarisierung in der Bevölkerung geführt. In allen Bezirken finden Versammlungen statt. Die Bevölkerung hat eigene Wächter engagiert, die zusammen mit dem Hausmeister der Schule, der Tag und Nacht vor Ort ist, für Sicherheit sorgen sollen. Und die Polizei patrouilliert in regelmäßigen Abständen, um weitere Anschläge zu verhindern.
Natürlich sind wir sehr traurig, dass die Unruhen nun auch Andkhoi erreicht haben und die Mädchenschulen angegriffen wurden. Das darf uns aber nicht davon abhalten, all diejenigen, die ihren Jungen und Mädchen eine Bildung ermöglichen wollen, durch unsere Hilfe zu unterstützen. Wir wollen nicht klein beigeben und den Terroristen den „Sieg“ überlassen. Wir möchten die Schule reparieren und den Schandfleck beseitigen. Fast alle Menschen der Region wollen Bildung für ihre Töchter und Söhne – der Besuch der Ältesten aus einem abgelegenen Dorf, die von uns den Bau einer Mädchenschule forderten, hatte uns das im Oktober noch sehr deutlich gemacht. Wir hoffen, dass auch Sie unserer Meinung sind und unsere Arbeit weiterhin unterstützen werden. Die junge Generation, die wir heute ausbilden, will mit Hilfe ihrer Eltern ein anderes – friedliches - Afghanistan im Herzen Asiens aufbauen.
Mit freundlichen Grüßen
Marga und Klaus Flader