Mai 2022

 

NEUIGKEITEN VON UNSEREN PROJEKTEN IN AFGHANISTAN

 

Seit acht Monaten haben die Taliban wieder die Macht in Kabul. Eine funktionierende Regierung gibt es nicht. Weder sind die verschiedenen ethnischen Gruppen beteiligt, noch die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen. Das Frauenministerium ist abgeschafft, ebenso alle Menschenrechtsinitiativen und „unbotmäßigen“ Radio- und Fernsehsender. Entscheidungen werden offensichtlich weitgehend durch das „Ministerium zur Förderung der Tugend und Vermeidung des Lasters“ getroffen. Das handelt, geführt durch die berüchtigte Haqqani-Gruppe, streng nach der Sharia: die Bärte müssen wachsen, die Frauen sollen zu Hause bleiben, Kleidungsvorschriften etc… Als ob es nichts Wichtigeres in Afghanistan gäbe.

 

Die Taliban- Regierung hat weder Interesse, noch die Fähigkeit, an der immer bedrohlicher werdenden Situation des Landes etwas zu ändern. Dass ohne die Kraft der Frauen ein Überleben des Staates nicht möglich ist, ignoriert sie. Wenn inzwischen Menschen, vor allem Kinder verhungern, wird die Schuld der alten Regierung oder dem bösen Ausland zugeschoben. Das ist eine düstere Aussicht für die Zukunft.

 

Aber: Es regt sich Widerstand, nicht nur auf den Straßen von Kabul. Das sehen wir vor allem in den Gebieten unserer Projekte.

 

Seit unserem letzten Bericht im November konnten unsere meist neuen Mitarbeiter_innen die örtlichen Machthaber sowohl in Mazar-e-Sharif, als auch in Andkhoi von der guten und wichtigen Arbeit bei unseren Projekten überzeugen.

 

Mazar-e-Sharif:

 

 

Während der langen Winterferien freuten sich sowohl die Mädchen als auch die Jungen, dass unsere Computer- und Englischkurse weiterliefen. Fast alle konnten stolz ihr Zertifikat in die Hand nehmen. Auch der Aufbau des Netzwerkes vieler von uns gebauter Schulen wurde vorangetrieben. Fortbildungen zur Kompetenzerweiterung für Schulleitungen, Lehrer_innen, Schüler_innen und Eltern waren erfolgreich, so dass diese Schulen mit bis zu 4000 Schüler_innen nun gestärkt das neue Schuljahr ab Ende März angehen konnten. Die örtliche Schulbehörde öffnete die Schulen ganz selbstverständlich auch für die Mädchen bis Klasse 12. Sie hielt es nicht einmal für nötig, dass die Fortbildungen getrennt nach Frauen und Männern stattfanden. Sowohl in Schulräumen als auch im Büro von OASE (unsere Partner-NGO in Mazar) konnten sie so in entspannter Atmosphäre ihre Planungen besprechen und voneinander lernen.

Im Februar und März gab es viele kulturelle Aktionen: An den Schulen wurden Bäumchen gepflanzt, neue Graffitis z.B. zum Schutz der Umwelt von Schüler_innen angebracht, ein großes Schachturnier von mehreren Schulen ausgerichtet und Sportevents sind in Planung.

 

Wir haben vom BMZ darum auch die Zusage bekommen, dass die Projekte wie geplant weiterlaufen können. Das betrifft auch neugeplante Projekte für dieses Jahr – und gibt uns und den Menschen in Afghanistan Hoffnung. 

 

 

Andkhoi und die umliegenden Distrikte:

 

Wie berichtet liefen auch hier alle Projekte im Oktober wieder an. Mädchen- und Jungenschulen waren zum neuen Schuljahr mit einmonatiger Verspätung wieder geöffnet. Die Lehrer und Lehrerinnen bekamen ihre Gehälter bis einschließlich März ausgezahlt. Wir sorgten für die Verteilung von Öfen und Holz für alle Klassenräume, damit kein Kind wegen der Kälte den Unterricht versäumen musste. Mehr als 400 bedürftige Familien erhielten Lebensmittelpakete von uns.

 

Ein besonderer Dank gilt dafür Misereor und auch Ihnen, ohne die wir die Bildungs-, Frauen- und Nothilfeprojekte nicht finanzieren könnten!

 

 

Unsere Projekte liefen gut, wurden immer wieder von Taliban-Führern (hier braucht niemand zu gendern) besichtigt und für gut befunden. Das neue Team von VUSAF machte eine gute und mutige Arbeit. Im Ausbildungszentrum wurden nach Tests die Zwischenzeugnisse verteilt, einige Kurse konnten neue Jugendliche aufnehmen. Die Frauen in den drei Frauenzentren lernten begeistert Nähen, Lesen, Schreiben und Rechnen und hatten viele interessante Vorträge. Ehemalige Nähschülerinnen bekamen Stoffe und Anleitungen, damit sie für bedürftige Kinder und Frauen Kleidung nähen konnten. Mit diesem neuen Projekt konnten wir vielen Frauen und Familien über ihre Not hinweghelfen.  Wir möchten es weiterführen, wenn wir genügend Spenden bekommen.

 

 

 

Aber auch unsere Projekte wurden durch negative Entwicklungen innerhalb der Taliban Regierung beeinträchtigt:

 

Ende März setzten sich die Hardliner in Kabul durch und schickten dort am geplanten Schulbeginn nach Nauros alle Mädchen ab der 7.Klasse wieder nach Hause. Begründung: Es bestehe noch keine Klarheit über die Sharia-konforme Schuluniform. Die Wut der Mädchen und ihrer Eltern und Lehrerinnen war gewaltig!

 

Das Chaos wurde noch komplizierter. In einigen Provinzen, vor allem im Norden, wurde diese plötzliche Wendung einfach ignoriert. In Maimana, der Hauptstadt der Provinz Faryab, passte man sich in „vorauseilendem Gehorsam“, dieser Entscheidung an.  Die Folge war, dass die Taliban auch in Andkhoi, Qaramqul und Qurgan die Mädchen ab 7. Klasse nach Hause schickten, während Khancharbagh sich weigerte. Der dortige Taleb forderte sogar die anderen Distrikte auf, ebenfalls der Kabuler Vorstellung nicht zu folgen, weil keine schriftliche Anordnung vorgelegen habe. Da inzwischen einige örtliche Taliban Frauen bedrohten, die wie gewohnt allein oder in Gruppen unterwegs waren, wurden auch die drei Frauenzentren geschlossen. Das Ausbildungszentrum hätte zwar für die Jungen geöffnet bleiben können. Das kam für uns aber nicht in Frage. Der tagelange Stillstand missfiel den Frauen, den Jugendlichen sowie unseren Mitarbeitern und zum Glück auch den Ältesten und den herrschenden Taliban. Nach wenigen Tagen und vielen Gesprächen wurde klargestellt, dass die Projekte für die ganze Region sehr wichtig sind. Keinesfalls sollten wir diese nach Mazar verlagern – was wir androhen konnten. Der Waliswal (Bürgermeister) bat darum, die Frauenzentren sofort wieder zu öffnen. Er bemühte sich persönlich in Maimana um die Öffnung aller Mädchenschulen und damit auch unseres Ausbildungszentrums. Am 13. April konnten die Mädchen ab Klasse 7 ihre Schulen in Andkhoi und den Bezirken, in denen VUSAF aktiv ist, wieder besuchen, am Folgetag öffnete das EC. Wir hoffen sehr, dass diese positive Entwicklung anhält und sich im übrigen Land fortsetzt. 

 

 

Der Schreck sitzt uns und den Frauen und Mädchen noch in den Knochen. Sie sind erleichtert, dass sie sich in den Frauenzentren darüber austauschen können. Vor kurzem hatten sie noch den internationalen Frauentag gefeiert und über ihre Rechte diskutiert.


Viele Aufgaben stehen auf unserer Liste für die nächsten Monate. Einige ältere Schulen müssen dringend repariert werden. Die Not der Bevölkerung aufgrund steigender Preise, schlechter Ernten (Dürre) und Arbeitslosigkeit ist gewaltig. Wir sind froh, dass wir auch Dank Ihrer Spenden vielen Menschen in den Projektgebieten einen Verdienst ermöglichen können, wie z.B. den Bauarbeitern, den Näherinnen, den Basaris und natürlich den Lehrerinnen und Lehrern unseres Ausbildungszentrums und der Frauenzentren. 

 

 

Das ist bei der Situation in Afghanistan schon viel Wert – braucht aber weiterhin Ihre Unterstützung!


Herzliche Grüße

Marga Flader und Tanja Khorrami


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Wir können außerdem berichten, dass ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich aufgrund ihres Engagements vor der Machtübernahme der Taliban gefährdet sahen, nach vielen Monaten des Bangens und der Bemühungen gemeinsam mit ihren Familien evakuiert werden konnten. Mittlerweile sind alle in Deutschland in Sicherheit.


SPENDENKONTO: ETHIKBANK IBAN DE71 8309 4495 0103 0410 50 (GENODEF1ETK)

Afghanistan-Schulen - Verein zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan e.V. | Info(at)Afghanistan-Schulen.de