Marga Flader und Ingrid Fraser berichten von der Reise nach Afghanistan im Oktober 2011
Liebe Freunde,
die Entscheidung zu dieser Reise fiel uns nicht leicht, denn die Unruhen im September machten unseren Mitarbeitern in Kabul, Mazar und Andkhoi große Sorgen. Die Aussicht auf Gespräche mit ihnen und unseren Schüler/innen waren Motivation für uns zu fliegen, und jetzt können wir auf eine erfolgreiche Reise zurückblicken. Überschattet wurde die Reise von einer angespannten Sicherheitslage. Es wurden nur notwendige Besuche gemacht – auf Ausflüge, wie noch im April 2011, haben wir verzichtet. Stattdessen führten wir viele Gespräche, in denen unsere Mitarbeiter mit uns auch über ihre Sorgen sprachen. Nicht nur die Sicherheitslage, sondern auch die Trockenheit und die steigenden Preise sind belastend für sie. Die Ernte in der Region Andkhoi war in diesem Jahr ein Totalausfall. Wir sind deshalb sehr froh, dass Misereor unseren Projektantrag bewilligt hat, den staatlichen Schulangestellten eine Lebensmittelhilfe von 50 kg Mehl, 20 kg Reis und 5 l Öl zu geben,. Das World Food Programm versorgt andere in Not geratene Menschen in der Provinz Faryab.
In Mazar-e-Sharif bewegten wir uns in Begleitung unserer afghanischen Kollegen relativ frei. Während unseres Workshops in Kabul aber ereignete sich das schreckliche Selbstmordattentat mit 19 Toten. Die Verwandten unserer Mitarbeiter riefen an, um zu hören, ob alles in Ordnung sei.
In Mazar-e-Sharif:
Wir besuchten die Schulen, für die wir in den vergangenen Jahren Gebäude errichtet haben: Nahr-e-Top, für die wir Briefe von einer Hamburger Schule dabei hatten, und Maqsadullah Shaheed, eine richtige Vorzeigeschule. Sie haben in Eigeninitiative ein Labor für Naturwissenschaften aufgebaut, in dem täglich 3 bis 4 Klassen Unterricht haben. Mit Hilfe unseres Kleinprojektefonds wollen sie die Wege vom Tor zur Schule und zu den Toiletten befestigen, damit nicht so viel Schmutz ins Gebäude getragen wird. Wir möchten gern mit den Schulen Kontakt halten und ermöglichen ihnen, über einen Kleinprojektefonds 1.500,00 Euro zu erhalten, um notwendige Arbeiten durchführen zu können, so entstehen z.B. in Eigenarbeit Lagerräume, Toiletten oder es werden Reparaturarbeiten durchgeführt.
Nach einem Gespräch mit dem Schulrat wurden wir auch dieses Mal wieder zu einer Schule geführt, die gern ein neues Gebäude hätte. Die Kinder saßen in einer Bauruine im Keller, im Erdgeschoss und Obergeschoss ohne Fenster und Türen; bei einem Raum im Obergeschoss war die Rückwand abgebrochen! In dem größten Raum - mehr ein Schlauch als ein Klassenzimmer - werden gleichzeitig zwei Klassen mit jeweils 50 Kindern unterrichtet, die auf dem Fußboden sitzen. An dem Tag unseres Besuches war allerdings nur ein Teil der Kinder anwesend, denn ein Sandsturm tauchte Himmel und Erde in eine dunstige Sandfarbe. In diesem Bezirk entsteht ein Neubaugebiet für Flüchtlinge. Noch gibt es hier keinen Baum oder Strauch; kein bisschen Grün in dieser lehmfarbenen flachen Landschaft.
Wir trafen uns mit Studenten aus Andkhoi, die an den verschiedenen Fakultäten der Universität Balkh studieren. Die jungen Männer erhalten einen Mietzuschuss von uns, und junge Frauen, die im Studentenwohnheim untergebracht sind, bekommen von uns einen Essenszuschuss, um ihnen die Zeit des Studiums zu erleichtern. Wir fanden die äußerst einfache Unterkunft der Studenten (ein kleiner Raum, in dem fünf junge Männer arbeiten, essen und schlafen, ohne Küche, ohne Bad) sehr bedrückend. Geld für's Essen haben sie kaum; morgens und mittags gibt es Brot und abends Bohnen. Nach Hause fahren können sie aus finanziellen Gründen höchstens in den Semesterferien.
Samia, die Tochter unseres im Februar 2007 ermordeten Regionaldirektors, begleitete uns von Kabul nach Mazar-e-Sharif. Sie war in diesem Jahr für eine ärztliche Behandlung in Deutschland gewesen. In einem Kindergarten, in dem eine Vereinsmitarbeiterin arbeitet, machte sie ein kurzes "Praktikum" mit dem Ziel den Kindergärtnerinnen in der Khodja Abdullah Ansari Schule (Choghdak) Ideen für die Einrichtung und Gestaltung des neuen Kindergartens zu vermitteln. Die Kindergärtnerinnen waren ganz begeistert von dem, was Samia ihnen vorschlug und zeigte.
In Andkhoi:
Wir besichtigten zwei der drei Schulen, die in diesem Jahr fertiggestellt wurden. Qahar Khan, unser Bauleiter in Andkhoi, freut sich über unsere Reaktion, wenn wir seine ausgezeichnete Arbeit begutachten. Wie immer ist es eine große Freude, die Jungen und Mädchen in einem neuen Schulgebäude zu sehen. Die 10 Kleinprojekte, die wir in dieser Region gemeinsam mit den staatlichen Schulen durchführen, sind ein Erfolg, u.a. wurden zwei Schulen repariert und vollständig von innen und außen gestrichen.
Im Bezirk Khancharbagh bekamen wir ein neues mögliches Projekt zu sehen: In ehemaligen Ställen ohne Fenster sitzen Kinder auf dem Boden oder eng zusammengequetscht auf Bänken an Tischen. Der Besitzer des Landes, auf dem sie gerne die neue Schule hätten, und der Schulleiter waren sehr froh, als wir sagten, dass wir uns um Fördergelder bemühen wollten. Ob wir das Projekt verwirklichen können, hängt natürlich davon ab, ob ein Antrag Erfolg hat und wir die erforderliche Eigenbeteiligung, die wir aus Spenden finanzieren müssten, aufbringen können.
In unserem Ausbildungszentrum (EC) freuten wir uns über die strahlenden Gesichter der lernbegierigen Jungen und Mädchen. Im Englischunterricht stellten sie uns viele Fragen. Die Mädchen trafen wir im neu errichteten Gebäude auf dem Gelände des Yuldoz Mädchengymnasiums, das sehr schön geworden ist. Wir wurden gebeten, für die Lehrerinnen dieser Schule einen Kindergarten zu bauen. Auch diese Bitte nahmen wir in die lange Liste unserer Zukunftspläne auf.
Die Gespräche, die wir mit den Lehrern und Lehrerinnen unseres ECs und mit denen unserer Home Courses und Nähkurse führten, waren sehr lebhaft und brachten uns wichtige Informationen für die gemeinsame zukünftige Arbeit, und auch wir konnten den jungen Lehrer/innen einige Anregungen geben. Uns wurde berichtet, dass einige unserer ehemaligen Home School-Schülerinnen heute als Lehrerinnen arbeiten. Die älteren Lehrer/innen, die während der kommunistischen Zeit ausgebildet wurden, sind jetzt fast alle im Pensionsalter – der Paschtu-Lehrer ist 82 Jahre alt. An unserem EC unterrichten jetzt schon einige sehr gute junge Lehrer und Lehrerinnen; sechs hatten gerade an einer GIZ-Fortbildung in Mazar-e-Sharif teilgenommen, die wir ihnen ermöglichten (wir übernahmen die Reisekosten und Kosten der Unterbringung und Verpflegung). Damit sie das Gelernte an ihre Kollegen/innen an den staatlichen Schulen weitergeben können, werden wir helfen, entsprechende Workshops zu organisieren. Mit den Lehrlingen und dem Lehrer der Elektrikerwerkstatt sprachen wir über Solarkocher und Solarenergie und hoffen, dass sie nun an die Umsetzung der neuen Ideen gehen. Wir freuten uns über die vielen Jungen in der gut ausgestatteten Bibliothek, mit denen wir uns auf Englisch unterhielten und und und ….
Sie sehen, dass wir wirklich auf eine erfolgreiche Reise zurückblicken dürfen, von der wir auch wieder viele Wünsche mitgebracht haben. Es wäre schön, wenn wir Sie mit unserem Bericht haben überzeugen können, unsere Projekte weiter zu unterstützen. Wir brauchen Ihre Spenden insbesondere für das Kleinprojekteprogramm und die Unterstützung der Studenten, beides wichtige Hilfen zur Selbsthilfe, sowie für die notwendige Eigenbeteiligung bei zukünftigen Bauprojekten, ohne die wir keine öffentlichen Fördermittel bekommen. Die positiven Veränderungen im Bildungsbereich insbesondere seit 2002 müssen fortgeführt werden – die afghanischen Kinder und Jugendlichen, ihre Lehrer und Eltern setzen ihre Hoffnung in uns. Bitte helfen Sie uns weiter dabei! Vielen Dank.
Herzliche Grüße
Marga Flader Ingrid Fraser
PS: Unser Kalender 2012 ist fertig. Wir freuen uns auf Ihre Bestellung.